IGS Garbsen

Stellungnahme der Didaktischen Leiter der IGSen der Region Hannover zur Inklusion

In Niedersachsen wird die inklusive Schule verbindlich zum Schuljahresbeginn 2013/2014 eingeführt. Dies hat der niedersächsische Landtag am 20. März 2012 beschlossen und das Schulgesetz im Paragraph 4 geändert. Dort heißt es:
§ 4 Inklusive Schule
(1) 1Die öffentlichen Schulen ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang und sind damit inklusive Schulen. 2Welche Schulform die Schülerinnen und Schüler besuchen, entscheiden die Erziehungsberechtigten (§ 59 Abs. 1 Satz 1).
(2) 1In den öffentlichen Schulen werden Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam erzogen und unterrichtet. 2Schülerinnen und Schüler, die wegen einer bestehenden oder drohenden Behinderung auf sonderpädagogische Unterstützung angewiesen sind, werden durch wirksame individuell angepasste Maßnahmen unterstützt; die Leistungsanforderungen können von denen der besuchten Schule abweichen. 3Ein Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung kann in den Förderschwerpunkten Lernen, emotionale und soziale Entwicklung, Sprache, geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Sehen und Hören festgestellt werden.
Die didaktischen Leiterinnen / Leiter der Integrierten Gesamtschulen in der Region Hannover begrüßen diesen Beschluss ausdrücklich. Die Integrierten Gesamtschulen haben sich immer als „Schule für alle“ verstanden. Daher ist es nur konsequent auch inklusive Beschulung mit zu praktizieren. Bereits in der Vergangenheit haben viele Integrierte Gesamtschulen Integrationsklassen eingerichtet und positive Erfahrungen mit der Beschulung von Kindern mit Behinderungen sammeln können. Inklusion bindet Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedürfnissen in den Unterricht ein. In diesem Verständnis ist die Inklusion eine Weiterentwicklung des binnendifferenzierten Unterrichts, der die Individualität der Lernwege mit berücksichtigt. In der Auseinandersetzung um Inklusion werden wir als didaktischen Leiterinnen / Leiter alles in unserer Macht stehende tun, damit dieses Verständnis sich in unseren Kollegien umsetzt.
Wir gehen davon aus, dass die Integrierten Gesamtschulen in weitaus größerem Maße von den Eltern mit Kin-dern mit Förderbedarf angewählt werden, als die Schulformen des gegliederten Schulsystems. Ein Schulsystem, das die Selektion zur Voraussetzung hat, wird bei der Inklusion nicht die erste Wahl sein. Daher wird den Integrierten Gesamtschulen in diesem Prozess eine besondere Rolle zufallen. Diese Aufgabe muss von uns und unseren Kolleginnen / Kollegen bewältigt werden, um den Bedürfnissen der Kinder mit Förderbedarf gerecht zu werden.
Mit Sorge stellen wir aber fest, dass die Bedingungen der Inklusion für das Schuljahr 2013/2014 nicht klar be-schrieben werden. Wir gestatten uns daher, Sie darauf aufmerksam zu machen, welche Maßnahmen vom Schulträger und von der Landesschulbehörde / dem Kultusministerium gesichert sein müssen, um die Inklusion in unseren Schulen nach ministerieller Vorgabe umzusetzen.
•    Sicherstellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Schuljahr 2013/2014:
Viele integrierte Gesamtschulen haben in Verbindung mit den Grundschulen erhoben, welche Schülerinnen und Schüler mit festgestelltem sonderpädagogischen Förderbedarf im Schuljahr 2013/2014 im 5. Jahrgang aufgenommen werden wollen. Bei einigen Schülerinnen und Schülern ist sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt worden, bei anderen Kindern wurde der sonderpädagogische Förderbedarf noch nicht erhoben. Durch diese Kinder steigt der Bedarf an Förderstunden in den Integrierten Gesamtschulen erheblich (bis zu 2 Vollzeitstellen im nächsten Schuljahr). Die aufnehmenden Integrierten Gesamtschulen müssen diesen sonderpädagogischen Förderbedarf abdecken, haben aber in der Regel keine oder zu wenig Förderlehrkräfte. Uns nützt es bei der Umsetzung der Inklusion nicht, wenn erst im Nachhinein – im nächsten Schuljahr – dieser Förderbedarf berücksichtigt wird. Wir brauchen diese Stunden auch und besonders im ersten Jahr der Inklusion. Wir brauchen nicht Lehrkräfte, die stundenweise den sonderpädagogischen Förderbedarf eines Kindes abdecken, sondern Förderschul-Lehrkräfte, die an der Integrierten Gesamtschule arbeiten und den Unterricht der heterogenen Lerngruppe unterstützen. Das ist das Ziel der Inklusion. Hier steht das gemeinsame Lernen im Mittelpunkt und nicht der Förderbedarf des einzelnen Schülers. Dieser zusätzliche Bedarf muss sichergestellt werden.
•    Fortschreibung des sonderpädagogischen Förderbedarfs in den kommenden Schuljahren
Die Zahl der Förder-Kinder wird in den folgenden Jahren sich nur geringfügig verändern. Daher sollte die Zuweisung an Förderstunden zur Abdeckung des sonderpädagogischen Förderbedarfs in den nächsten Schuljahren fortgeschrieben werden. Es ist für uns nicht vorstell- und zumutbar, jedes Jahr aufs Neue um diese Stundenzuweisung zu kämpfen. Wir brauchen verbindliche Planungsgrößen. Zusätzlich wird ein weiterer Jahrgang von Kindern mit Förderbedarf aufgenommen. Auf Grundlage der Erfahrungen des vergangenen Jahres muss auch für diese Kinder der Förderbedarf abgedeckt werden.
•    Doppelzählung von Kindern mit Förderbedarf in der Unterrichtsstatistik
In der Vergangenheit wurden die Integrations-Kinder in Integrationsklassen in der Unterrichtsstatistik doppelt gezählt. Dies war bislang an allen Integrierten Gesamtschulen mit Integrationsklassen üblich. In dem neuen Erlass „Klassenbildung und Lehrerstundenzuweisung an den allgemein bildenden Schulen“ ist von dieser Doppelzählung nichts zu lesen. Die Klassenobergrenze liegt in den Integrierten Gesamtschulen damit bei 30 Schülerinnen und Schülern, auch wenn mehrere Kinder in dieser Klasse inklusiv beschult werden. Ist dies tatsächlich so gewollt? Kann das funktionieren? Dies stellt eine Verschlechterung zu dem Verfahren der Integrationsklassen dar. Wir meinen, dass das Verfahren der Doppelzählung für alle Schulen mit inklusiv zu beschulenden Kindern mit Förderbedarf gelten muss. Es muss hierfür eine rechtliche Absicherung geben. Die Plätze an Integrierten Gesamtschulen sind  nicht ausreichend. Eltern können sich einklagen, wenn die Doppelzählung ohne rechtliche Grundlage praktiziert wird.
Hilfreich wäre die Festsetzung eine Obergrenze der Klassenfrequenz von 22 bis 24 Schülerinnen und Schülern, wenn 3 Schülern mit Förderbedarf in einer Klasse vorhanden sind. Dies wird in der Literatur zum Thema Inklusion empfohlen.
•    Festlegung einer Obergrenze der Kinder mit Förderbedarf in einer Klasse
Das Kultusministerium geht davon aus, dass maximal 5 % der Schülerinnen und Schüler sonderpädagogischen Förderbedarf benötigen. Wie wir oben ausgeführt haben werden die Integrierten Gesamtschulen im besonderen Maße angewählt werden. Da Inklusion nicht nur eine Aufgabe der Integrierten Gesamtschulen ist, sollte diese Obergrenze auch für Integrierte Gesamtschulen gelten und nur in einem für die jeweilige Schule verträglichen Maße überschritten werden.
•    Fortbildungen für Inklusion
Die Kolleginnen und Kollegen sind mit der inklusiven Beschulung mit neuen Aufgaben und Herausforderungen konfrontiert. Um diese bewältigen zu können, müssen praxisnahe Fortbildungen in ausreichender Anzahl zur Verfügung gestellt werden. Dies ist zurzeit nicht gegeben. Die im Schuljahr 2011/2012  angebotenen Fortbildungen waren stets ausgebucht. Hilfreich und nützlich ist eine Fortbildungsmaßnahme, die die Kolleginnen und Kollegen erreicht, die im nächsten Schuljahr die Inklusion im Unterricht praktizieren.
•    Sicherstellung von Material und Räumen
Kinder mit Förderbedarf haben besondere Bedürfnisse: Autisten brauchen Möglichkeiten zum Rückzug, Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen müssen ihre Verrichtungen in geschützten Bereichen vollziehen können, Kinder mit Beeinträchtigungen im Hören und Sehen benötigen teilweise besondere Vorrichtungen, für Schüler/innen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung müssen Differenzierungsräume vorgehalten werden. Zusätzlich brauchen wir für die fachlichen Tätigkeiten Material, an dem diese Kinder zieldifferent  lernen können. Dieses Material ist in den Förderschulen vorhanden, in den Integrierten Gesamtschulen aber nicht. Bitte stellen sie sicher, dass die räumlichen und materiellen Bedürfnisse der Kinder mit Förderbedarf berücksichtigt werden.
•    Berücksichtigung von Kindern mit Förderbedarf in den Ganztagsangeboten
Gerade in den Aktivitäten im Ganztagsbereich können Kinder mit Förderbedarf  ihre Stärken zeigen und sich mit ihren Fähigkeiten einbringen. Der Ganztagsbereich ist an den Integrierten Gesamtschulen unterschiedlich ausgestattet. Für die neuen Integrierten Gesamtschulen als offene Ganztagsschulen ist dieser Bereich mit zu wenig Stunden ausgestattet. Dort kann eine Integration der Kinder mit Förderbedarf nur schwer erfolgen. Daher muss es Ziel des Schulträgers und des Kultusministeriums sein, Schulen mit weitgehender inklusiver Beschulung in eine gebundene Ganztagsschule zu überführen.
 

•    Durchführung einer Bildungskonferenz zum Thema Inklusion
Der Schulträger sollte über die Umsetzung der Inklusion mit allen Beteiligten ins Gespräch kommen. Daher schlagen wir die Durchführung einer vorerst regelmäßig tagenden Bildungskonferenz „Inklusion“ vor. Die Durchführung einer solchen Veranstaltung liegt im Aufgabenbereich des Schulträgers, nicht in der einzelner Schulen. Wichtig ist hierbei auch, dass die Betroffenen selbst, die Eltern der Kinder mit Förderbedarf, eingeladen werden. Sie müssen ihre Bedürfnisse äußern können. Sie sind die Vertreter des Kindes. Von einer solchen Veranstaltung versprechen wir uns, rechtzeitig Fehlentwicklungen zu erkennen und gegensteuern zu können.
•    Aufbau eines Fachbereichs Inklusion in voll ausgebildeten inklusiven Schulen
Eine voll ausgebaute inklusive Sekundarstufen I Schule mit 6 Jahrgängen braucht eine Koordination der Arbeit. Unterrichtsentwicklung muss hier in besonderer Weise organisiert werden. Der Unterricht muss für alle Schülerinnen und Schüler Lernanlässe bieten. Die Kooperation zwischen Klassen-, Fach- und Förderlehrerinnen und –lehrern muss organisiert werden. Dafür brauchen die Schulen einen geeigneten Rahmen. Diese Schulen brauchen einen Fachleiter / Fachleiterin für Inklusion und eine Fachkonferenz zur inhaltlichen Weiterentwicklung der Arbeit.

Wir freuen uns auf eine Auseinandersetzung mit den von uns angeführten Anregungen noch vor Beginn des Schuljahres 2013/2014. Einige der aufgeführten Punkte müssen schnell, noch vor Beginn des neuen Schuljahres, umgesetzt werden.  Andere Anregungen sind in den folgenden Jahren wichtig. Bitte unterstützen Sie uns in den Bemühungen, die Inklusion umzusetzen. Lassen Sie uns gemeinsam Verantwortung hierfür übernehmen.

Didaktische Leiterinnen und Leiter der Integrierten Gesamtschulen in der Region Hannover