IGS Garbsen

Die Geschichte der IGS-Garbsen

Am 12. Juli 1968 beantragte der Rat der Gemeinde Garbsen (Havelse, Altgarbsen, Auf der Horst) beim Kultusminister Langeheine (CDU) die Einrichtung des Versuchs mit integrierter Gesamtschule.

Beginn dieses Schulversuchs unter wissenschaftlicher Begleitung sollte der August 1969 sein. Nach der Grundschuile und einer zweijährigen Förderstufe sollten alle Schüler in Garbsen ab der 7. Klasse in die Gesamtschule im Schulzentrum Planetenring übergehen. Eine einzige Oberstufe für ganz Garbsen sollte sich anschliessen.

Am Anfang also ein großer Wurf: die Gesamtschule sollte Regelschule in Garbsen werden.

I. Präambel

Die an der Planung Beteiligten gehen aus von einer kritischen Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lage der BRD und der Rolle der Schule in dieser Gesellschaft. Die Maßstäbe für eine solche Kritik sind die in der Menschenrechten und in unserem Grundgesetz niedergelegten Grundsätze der Menschenwürde, der sozialen Gerechtigkeit, der Rechtsstaatlichkeit, der Chancengleichheit, der demokratischen Mitwirkung und der individuellen Freiheit. Es ist offensichtlich, dass die Verfassungswirklichkeit in vielerlei Hinsicht, so auch im bisherigen Schulsystem, diese Prinzipien nicht angemessen erfüllt.

Aufgabe der Gesamtschule muß es sein, den heranwachsenden Menschen darauf vorzubereiten, wie er in der modernen Industriegesellschaft ein menschenwürdiges Leben führen kann. Diese Schule muß deshalb ein konkretes Bewußtsein davon schaffen, dass die jungen Menschen bereit sind, den notwendigen Leistungsanforderungen der Industriegesellschaft zu genügen und gleichzeitig verantwortungsbewußt an den von ihnen als notwendig erkannten Veränderungen bestehender Gesellschaftsstrukturen mitzuwirken.

Diese Aufgabe kann die Schule nur erfüllen, wenn sie das dialektische Verhältnis von „Integration und Subversion“(„Anpassung und Widerstand“, Schelsky) als in die Praxis umsetzbar bewußt macht und auch ausübt. Eine notwendige Voraussetzung dafür ist die Demokratisierung der Schule.

Eine solche Schule muß ein Raum sein, der

  1. die Selbstverwirklichung jedes einzelnen im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung vorzubereiten hat,
  2. die Emanzipation unterprivilegierter Schichten in die Wege leitet,
  3. die „optimale Organisation des Lernprozesses“ (Roth) für jeden einzelnen Schüler zu erreichen trachtet,
  4. gesellschaftliche und individuelle Konflikte thematisiert,
  5. repressive Erziehungsmethoden nicht zuläßt,
  6. die Eltern in den Erziehungsprozeß mit einschließt,
  7. wissenschaftliche Arbeit ermöglicht, damit Reformen auf empirischen Grundlagen fußen können, und
  8. als Freizeitzentrum für die Mitglieder der Schule und alle gesellschaftlichen Kräfte offen ist.

Diese Forderungen sind nach ihrer Rangfolge geordnet. Sie stehen jedoch nicht konfliktlos nebeneinander. Diese ihre Widersprüchlichkeit muß aber gerade durch Theorie und Praxis fruchtbar gemacht werden, wenn der Anspruch der Gesamtschule, eine Schule von Humanität, Demokratie und Leistung zu sein, erfüllt werden soll.

Diese Zielsetzungen entsprechen der Forderung des Niedersächsischen Schulgesetzes, dass der selbständig denkende, verantwortungsbewußt handelnde Bürger eines demokratischen und sozialen Rechtsstaates Ziel der Erziehung ist.

Die Mitglieder der Planungsgruppe sind sich bewußt,

  1. dass sich eine solche Reform der Schule nur verwirklichen läßt, wenn in der Gesellschaft die grundlegende Bedeutung von Bildung, Erziehung und Unterricht für die Zukunft erkannt wird und schon jetzt ausreichende finanzielle Mittel zu Verfügung gestellt werden.
  2. dass nur dann eine Reform der Sekundarstufe sinnvoll ist, wenn die Reform des gesamten Bildungswesens von der Vorschule bis zu Erwachsenenbildung koordiniert wird, und
  3. dass die Reform der Schule allein eine gesellschaftliche Veränderung nicht bewirken kann, sondern entscheidende Reformen in vielen Bereichen unseres Lebens, nämlich in der Familie, der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik notwendig sind.

Wie weit darf der gesellschafskritische Ansatz gehen?

Die Arbeitsgruppe Gesellschaftskunde versuchte nun, für Ihren Arbeitsplan die Vorgaben der Grundkonzeption zu konkretisieren, besonders die Ziele „Selbstverwirklichung“ und „Emanzipation“. Dazu wurden folgende Überlegungen angestellt:

  1. 1. Eine politische Bildung in der Schule hat mit dem größten Widerstand von seiten der Gesellschaft zu rechnen, wenn sie sich zur Aufklärung die Grundlagen des bestehenden Systems kritisch in Frage zu stellen (Nyssen).
  2. An welchen Punkten des Erziehungsprozesses muß man ansetzen und wie muß man vorgehen, um aber wenigstens ein Problembewußtsein der Tabus unserer Gesellschaft (Privateigentum, Chancenungleichheit, Vorurteile gegen Minderheiten, Antikommunismus, Vorherrschaft wirtschaftlicher Interessen usw.) zu schaffen.
  3. Wir können die im ‚vorkognitiven politischen Sozialisierungsprozeß erworbenen und tiefverwurzelten Loyalitätsbindungen an das bestehende System‘ (Nyssen) im gesellschaftlichen Handels so ‚aufgehoben‘ werden, dass im Lernenden kein zu großes psychisches Ungleichgewicht entsteht.
  4. Wird es möglich sein, den Fachbereich ‚Gesellschaft‘ so zu verwirklichen, dass zu den gesellschaftlichen und politischen Inhalten und Verfahren sozialpsychologische treten?

[....] Wenn sich die Gesamtschule zum Ziel setzt, die Selbstverwirklichung jedes einzelnen zu erreichen, dann hat sie in erster Linie dafür zu sorgen, dass die in der kapitalistischen Gesellschaft bisher und immer noch als auszubeutendes Objekt behandelten Massen wenigstens in der Schule die Möglichkeit bekommen, ihre intellektuellen Fähigkeiten und seelischen Wünsche voll zu entfalten, womit unbedingt sein muß, dass sie lernen, ihre sozialökonomische Ausgangslage wahrzunehmen und Strategien zu ihrer Veränderung zu entwickeln....“

Dieses inerne Diskussionspapier wurde der CDU zugespielt, die – es war Landtagswahlkampf – im Zusammenspiel mit der katholischen Kirche eine polemische Diffamierungskampagne begann. Haupthandelnde waren Dieter Haaßengier, Dietmar Kansy und Pastor Norbert Kaesehage.

Haaßengier fragte, „ ob nicht starke Kräfte innerhalb der Gesamtschule Garbsen den Gesamtschulversuch mit gesellschaftspolitischen Zielsetzungen belasten wollen, und ob dann hier nicht kleine Revolutionäre vom Fließband produziert werden.“ Andere Schlagworte lauteten: „Eine Schulungsstätte für Jungsozialisten“ „Kommt eine rote Kadertruppe?“ „Wird die Gesamtschule eine marxistische Kadettenanstalt?“

Diese polemischen, von Wahltaktik bestimmten Angriffe verfehlten indes ihre Wirkung. Sie wurden in der Öffentlichkeit, etwa mit Leserbriefen, zurückgewiesen. in der Planungsgruppe rückte man eher zusammen. Es entstand ein Solidarisierungseffekt gegen den Feind von außen. Das Arbeitspapier wurde schließlich als „vorläufigen Konzeption für den Fachbereich Gesellschaft“ sprachlich entschärft und im Februar 1971 von der Planungsgruppe einstimmig genehmigt.

Welche unabdingbaren äußeren Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um mit dem Schulversuch beginnen zu können?

Die inhaltliche und organisatorische Planung machte bis November 1970 gute Fortschritte. Unklar bis völlig ungelöst waren aber bis dahin viele äußere Bedingungen.

So beschloß die Planungsgruppe folgende „unabdingbare Voraussetzungen“ für den Start der IGS Garbsen:

  1. Das künftige Stammkollegium für das 5. Schuljahr soll zum 1. Februar 1971 berufen werden; den Lehrern wird eine einheitliche Pflichtstundenzahl von 24 Stunden sowie eine angemessene Freistellung vom Unterricht für Konferenzen und Planung zugesagt.
  2. Bis zum Jahresende 1970 sollen Grobpläne und Beispiele für die einzelnen Fächer des 5. Schuljahres vorgelegt sein.
  3. Bis zum Jahresende muß der Schulträger die Raumfrage geklärt haben. Er soll außerdem zusagen, ausreichende Medien und eine zentrale Arbeitsbibliothek bereitzustellen.
  4. Anmeldungsfrist für die weiterführenden Schulen war Februar 1971. Daher muß den Eltern bis zum 13. Januar 1971 zugesichert werden, ob der Schulversuch am 1. August 1971 mit dem 5. Schuljahr beginnt oder nicht.
  5. Die angestrebte Schulverfassung muß vom Niedersächsischen Kultusminister genehmigt sein.
  6. Der Niedersächsische Kultusminister soll eine örtliche wissenschaftliche Planungsberatung und Versuchsbegleitung zusagen.

Nach und nach gaben Schulträger und Kultusministerium Absichtserklärungen im Sinne dieser Forderungen ab. Am 10. Dezember 1970 sagte die Stadt Garbsen zu, die Räume der IGS entsprechend der pädagogischen Grundkonzeption zu erstellen. Am 21. Dezember genehmigte der neue Kultusminister Peter von Oertzen (SPD) den Schulversuch zum Anfang des Schuljahres 1971/72, beginnend mit der Klasse 5. Aufgenommen werden sollten nur solche Schüler, deren Erziehungsberechtigte sich freiwillig für die IGS entschieden. Offen blieb, ob und ab wann die Schule als Ganztagsschule geführt werden sollte.